So

31

Mai

2015

Die Mahnwachen - Aufarbeitung und Fazit

Im letzten Jahr beteiligten wir, Lea und ich, uns bei den Mahnwachen für den Frieden. Wir haben unsere Teilnahme immer als Beitrag verstanden, den ehrlichen Veränderungswillen von Menschen zu unterstützen, die aus Angst vor einem Krieg oder aus Frust über Ungerechtigkeiten in unserem System auf die Straße gingen. Dabei haben wir in unseren Reden immer auch Stellung gegen antisemitische, nationalistische und reakionäre Denkweisen bezogen. Zudem haben wir immer unsere Solidarität mit Flüchtlingen betont.


Unser Engagement wurde auch von Kritik begleitet. Einige Gegner der Mahnwachen warfen uns vor, in einer Art Querfrontstrategie Rechtsoffenheit zu unterstützen. Andere warfen uns vor, mit unserem offensiven und Anfangs erfolgreichen Eintreten gegen rechts die Mahnwachen von innen heraus zu spalten. Beide Vorwürfe zeugen unserer Auffassung nach von oberflächlicher Betrachtungsweise. Selbst wir, die sehr nah an den Menschen der Mahnwachen dran waren, können kaum beurteilen, was die Motive der Einzelnen Protagonisten sind. Letztlich ist es sehr schwer, hinter die Fassaden zu schauen.

 

Inzwischen haben wir uns von den Mahnwachen zurückgezogen. Wie ist das Fazit? Zum einen müssen wir einräumen, daß eine inhaltliche Weiterentwicklung entgegen unserer Hoffnung nicht stattgefunden hat und sogar auf Widerstand gestoßen ist. Zum anderen müssen wir konstatieren, daß wir die Mechanismen von Verschwörungsglauben und tief sitzendem strukturellen Antisemitismus unterschätzt haben. Dies liegt aber nicht unbedingt an den Mahnwachen. Diese haben lediglich offenbart, wie sehr solche Denkstrukturen in unserer Gesellschaft vorhanden sind.

Veränderung unserer Gesellschaft ist enorm wichtig. Doch darf dies nicht auf falschem Boden gedeihen. Wir wollen nun versuchen, mit unseren Erfahrungen dazu beitzutragen, Probleme der Veränderungsbewegungen zu beleuchten und mögliche Lösungswege aufzuzeigen wobei das größte Problem wie auch die größte Chance zur Behebung im Erkennen der Probleme liegt.

 

Hier geht es zu den Beiträgen:

 

http://www.marsili-cronberg.de/Antisemitismus/

 

PS:

 

Auch wenn wir uns seit geraumer Zeit nicht mehr als Teil der Mahnwachen sehen, geht es uns nicht in erster Linie darum, ihnen zu schaden. Wer das glaubt, begeht einen Irrtum. Es ist zudem müßig, eine einzelne Bewegung zu bekämpfen, die auch nur eine von vielen Blüten einer Gesellschaft ist, die sich immer weniger die Mühe macht, die komplexen Zusammenhänge der Welt tief zu durchleuchten und stattdessen immer mehr durchdrungen wird von einfachen und oberflächlichen Betrachtungsweisen.


Zudem sind wir viel zu vielen Menschen mit ehrlicher und aufrichtiger Intention begegnet. Wir glauben hingegen, daß die Mahnwachen sich weitgehend selbst geschadet haben, indem von einigen Kräften -aus welcher Intention heraus auch immer- eine inhaltliche Weiterentwicklung unterbunden wurde und sich somit Themen durchsetzen konnten, die die bereits geschlossenen Türen nach rechts wieder öffneten. Wir glauben, daß dies vor allem dadurch geschah, daß viele aus Naivität nicht erkannten oder aus Angst vor Widerspruch und Diffamierung nicht erkennen wollten, welche Gefahr von diesen Themen ausgeht. So wird unserer Meinung nach der strukturelle Antisemitismus bei den Mahnwachen aus Unwissenheit oder Angst heraus gefährlich unterschätzt. Genau jenes bislang vernachlässigte Erkennen der Probleme ist Ziel unserer Aufarbeitung.

 

Dabei ist wichtig zu erkennen, daß es für komplexe gesellschaftlichen Zusammenhänge meist keine einfachen und naiven Lösungsansätze (wie das Aufdecken von angeblichen Verschwörungen) gibt. Ebenso wichtig ist es zu erkennen, daß ein einzelner kaum in der Lage ist, komplexe Zusammenhänge in allem Umfang ganz allein zu erfassen und daß dafür ein reger Austausch notwendig ist. Dafür soll dies EIN Beitrag sein. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Dabei ist uns wichtig, jedem die Fähigkeit zur Selbstreflektion und Weiterentwicklung zuzugestehen. Diesen aufklärerischen Anspruch, der Menschen zum Selbstdenken anregt, sie abholt,  mitnimmt und sie nicht abstößt, der Defizite aufzeigt ohne die Würde zu verletzen, lassen Watchseiten weitgehend vermissen. Deshalb distanzieren wir uns von deren Art der Angriffe - so berechtigt sie teilweise auch sein mögen.

 

Letztlich ist ein Erstarken der ganzen Friedensbewegung unser Ziel. Nicht deren Eingehen. Genau dem gilt unsere Arbeit. Wir sind uns dessen bewusst, daß viele unsere Arbeit kritisieren werden, halten diese Aufarbeitung aber dennoch für sehr wichtig. Dies begründen wir umfassend in unseren einzelnen Artikeln.


Distanzierung von ENDGAME

 

Sehr deutlich möchten wir uns hingegen von der Abspaltung ENDGAME distanzieren und warnen ausdrücklich davor, diese zu unterschätzen, zu verharmlosen bzw. sogar zu unterstützen. ENDGAME ist mit klar antisemitischen Äußerungen aufgefallen und hat Mitglieder, die sich offen fremdenfeindlich geäußert haben. Wir haben versucht, mit Hauptpersonen von ENDGAME zu diskutieren. Ergebnislos. Der Mix aus antisemitischem Verschwörungswahn (die USA wären ein Instrument Israels) und widerlichen völkischen Äußerungen bzw. Äußerungen gegen Flüchtlinge (die Flüchtlinge seien ein Instrument der USA (also letzten Endes Israels), um Europa zu destabilisieren) zeigt, daß diese Truppe nichts mit wirklichem Frieden am Hut hat. Wir lehnen die Teilnahme an allen Veranstaltungen ab, die die antisemitische ENDGAME-Ideologie duldet. Wohin ein solches Denken führt, sieht man derzeit an den brennenden Flüchtlingsheimen ...

 

Lea Frings und Marsili Cronberg

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Marsili Cronberg

Autor und Aktivist

Bisher erschienene Bücher: